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Jedes Jahr am Meer

»Hiddensee 1916:
Louise hat sich ihren Traum erfüllt und lässt sich als Künstlerin auf der Insel nieder. Sie ist unabhängig und unverheiratet und will eigentlich nur malen, die Fischer und die Ostsee. Dann platzt unverhofft die große Liebe in ihr Leben, doch davon darf niemand etwas wissen.

Stralsund 2016:
Die Tierärztin Annabel flieht an die Küste und wagt einen Neubeginn in der hiesigen Kleintierpraxis. Vor allem will sie eines nicht: sich verlieben. In einem Wandschrank ihrer Wohnung findet sie ein hundert Jahre altes Ölporträt, das sie nicht mehr loslässt. Sie muss unbedingt herausfinden, wer die Frau mit den Bernsteinohrringen war. Während ihrer Recherche lernt sie den Galeristen Paul kennen. Auch er ist fasziniert von dem Porträt, aber noch mehr von Annabel. Gemeinsam kommen sie dem Geheimnis um das Ölbild näher – und auch einander. Doch dann holt die Vergangenheit sie ein …«

Als ich Dorina Kastens Roman las, war ich mit zwei typische Phänomen konfrontiert: »Ach, eine Seite geht noch!« und »Das Kapitel hat nur noch eine Seite!«.

Ich liebe Romane. Ich liebe Happy Endings. Ich liebe Charaktere, die ihre Ecken und Kanten haben. Wenn wir die Checkliste durchgehen, dann können genau diese drei Punkte bereits abgehakt werden.

  • Es ist ein Roman. (check)
  • Es gibt mindestens ein Happy Ending. (check)
  • Die Charaktere sind alles andere als weich gespült. Sie stehen mit beiden Beinen im Leben, sie haben ihre Erfahrungen gemacht und diese haben ihre Spuren hinterlassen. Es sind Charaktere, bei denen nicht alles glatt gelaufen ist, sondern das Leben seine Höhen und Tiefen hatte. (check)

Das Leben ist voll von Chancen, die sich zu ergreifen lohnen. Genau das geht Annabel durch den Kopf, als sie in Stralsund aus dem Zug steigt und in der Stralsunder Bahnhofshalle das eindrucksvolle, perspektivisch herausfordernde Fresko von Erich Kliefert vor Augen hat. Sie ist Tierärztin, Anfang fünfzig und steht vor einem Neubeginn. Sie hat ihre Erfahrungen gemacht und der Liebe abgeschworen. Wobei … das klingt dooc etwas zu hart. Sie will sich einfach nicht mehr verlieben. Wer das Glück hatte, die Liebe seines Lebens gekannt und geliebt zu haben, sucht nicht nach einer zweiten Liebe und schon gar nicht nach einer dritten. Zumal wenn eine zweite Chance bereits ins Leere führte und wozu sollte eine dritte gut sein? Annabel will nur Ruhe und Abstand. Sie verlässt das hektische Berlin. Flieht aus einer gescheiterten Beziehung.

Stralsund scheint genau der richtige Ort für einen Neubeginn zu sein. Die wunderschöne Stadt am Strelasund hat es ihr angetan. Zwar sind die Menschen nicht gerade sehr kommunikativ, aber haben das Herz am rechten Fleck und hat dich ein Stralsunder einmal ins Herz geschlossen, nun, dann kommst du da auch so schnell nicht wieder heraus. Herzlich sind sie und rasch per Du. Die Insel Hiddensee und das weite, scheinbar endlose Meer sind nur einen Steinwurf weit entfernt. In der Sundstadt vertritt sie Dr. Luzifer, genannt Luzi. Luzi geht auf große Reise und Annabel vertritt ihn. In ihrer Wohnung findet die Tierärztin beim Renovieren in einem übertapezierten Wandschrank ein verschnürtes Paket. In diesem verbirgt sich das Ölporträt einer wunderschönen Frau mit Bernsteinohringen. Das Blut des Meers und das glückliche Gesicht der gemalten Frau wecken Annabels Interesse. Da ist es doch fantastisch, dass der Maler sein Werk signierte. Der Weg zum Kunstkenner liegt nahe. Wer mag nur dieser L. Hagemeister sein? In der kleinen Stralsunder Hanse-Galerie wird Annabel schnell fündig.

Paul weiß sofort, aus wessen Pinsel dieses Gemälde stammt. Die Suche nach den Hintergründen und nach der Identität des Models führen die beiden nach Hiddensee, jenem bezaubernden Eiland, das von den Einheimischen und Wahl-Insulanern »Dat söte Länneken« genannt wird. So findet Annabel sehr schnell mehr, als nur Antworten auf ihre Kunstfragen, denn der Galerist Paul ist nicht nur charmant, sondern schleicht sich nach und nach in ihr Herz … das beruht übrigens auf Gegenseitigkeit.

Hundert Jahre bevor Annabel das Gemälde in ihrer Wohnung entdeckt, hat sich die Malerin Louise häuslich auf der süßen Insel ingerichtet. Sie malt und malt und ist glücklich damit. Sie ist der Malerin Elisabeth Büchsel nachempfunden und steht stellvertretend für so viele junge Frauen, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Malweiber ihr Geld verdienten. Sie brachen aus den engen gesellschaftlichen Schranken aus, wollten ihr Leben selbstbestimmt gestalten. Sie wollten ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Mit Mut, Leidenschaft, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen meistert Louise ihren Weg. Sie kommt klar. Sie verdient sich ihren Lebensunterhalt und ist zufrieden. Liebe und Leidenschaft erweckte in ihr nur die Kunst, bis ein ganz besonderer Mensch die Insel betritt und sich in ihr Herz schleicht.

Mit Humor und enormem Hintergrundwissen über die Kunstszene der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhundert schreibt Dorina Kasten die wunderbare Liebesgeschichte von Annabel und Paul. Liebe kennt keine Grenzen. Liebe passiert einfach. Liebe lässt hoffen. Liebe lässt zweifeln. Liebe verunsichert. Liebe macht einen stark und schwach zugleich. Liebe ist so vieles. Sie ist vor allem alterslos. Sie achtet nicht auf männlich, weiblich, alt, jung, attraktiv, unscheinbar. Du verliebst dich in die Person, nicht in das, was um sie herum ist.

Bei ihren Lesungen erklärt Dorina immer, dass ihre Charaktere mit ihr altern werden. Die Liebe zwischen jungen Leuten interessiert sie nicht mehr. Die Liebe zwischen Menschen ihres Alters interessiert sie und darüber schreibt sie. Sollte sie irgendwann achtzig sein und noch immer schreiben – wovon nicht nur sie und ihre Familie, sondern auch wir ausgehen – dann werden ihre Paare auch achtzig sein.

Dorina Kastens Roman findet auf zwei Ebenen statt. Wir haben zum einen das Jahr 2016, in dem sich Annabel und Paul begegnen. Die beiden beginnen eine Recherchereise, die sie ins Jahr 1916 führt. Hundert Jahre zuvor sah das Leben anders aus. Aber nicht die Gefühle. Ich als Leser werde zwischen den beiden Jahren hin und her geführt. Während im Hier und Jetzt die Zeit nicht einmal ein Jahr beträgt, führt uns Dorina Kasten in der Vergangenheit durch das gesamte Leben der Malerin Louise. Sie beschreibt, wie Frauen vor hundert Jahren unter der Vorbestimmtheit ihres Schicksals litten. Louise schafft es, sich so weit zu emanzipieren, dass sie als Malerin auf Hiddensee ihren Lebensunterhalt weitestgehend bestreiten kann. Sie ist nicht vermögend, doch zum Leben reicht es. Auf Hiddensee gab es damals den Hiddensoer Künstlerinnenbund. Frauen wie Elisabeth Büchsel, Elisabeth Andrae, Clara Arnheim, Henriette »Henni« Lehmann gehörten zu diesen. Hin und wieder blitzt aus der Perspektive Louises auch das historische Geschehen zwischen 1916 und 1946 auf. So kommen auch erste Themen zur Sprache. Das ist auch gut so, denn nur so bleibt die Vergangenheit lebendig und der Roman bekommt genau die Authentizität, die notwendig ist.

Im Hier und Jetzt beweist Dorina Kasten ihren herrlichen Humor, gerade wenn es um die Passagen in der Tierarztpraxis geht. Das Kuriose … alle Fälle hat es so gegeben. Dorina Kastens Mann ist Tierarzt und so stimmt bis hin zur Medikation und Diagnostik jedes kleinste Detail. Natürlich sind Herrchen und Frauchen fiktiv. Auch die tierischen Begleiter sind es, ihre Leiden und Wehwehchen sind es nicht. Dieser Alltagshumor ist entzückend.

ISBN: 978-3-95872-350-4 / Verlag: Verlag N. Eben / Preis: 12,00 €

Zu erhalten direkt beim Verlag unter verlag@n-eben.de oder über info@mv-druck.de oder per Telefon 03831 / 282905 (Mo-Fr. 9.00 Uhr bis 12.00 Uhr und 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr)

Hintergrundinformationen: Das Coverbild stammt von Sandra Bergemann und das Model ist Pia Kasten. Lektoriert wurde der Roman von Birgit Rentz. Dorina Kasten ist Diplomhistorikerin und arbeitet als Museologin und Kuratorin.