Ricarda's Needlework

“Maria in der Spinnstube”

Posted in knitting, scene by ricardaknits on 2012/03/04

“Maria in der Spinnstube

Könnt ihr euch noch an diesen Beitrag von Tina erinnern? “Strickende Madonnen”? Wenn ja wunderbar, wenn nein, noch mal lesen. ;)

Jedenfalls war ich sehr sehr überrascht, als ich gestern in Wismar in die Heiligen-Geist-Kirche des dortigen Spitals gegangen bin und vor einem wunderbaren Fenster stand. Glasmalerei (Vitrail-Malerei) aus dem Ende des 14. /Anfang des 15. Jahrhunderts. Beeindruckend zumal es das einzige Vitrail-Fenster ist Wismars ist, welches die Jahrhunderte überdauert hat. Beeindruckend, weil die Farben nach wie vor so leuchtend und klar sind, als seien sie gestern erst angerührt worden. Beeindruckend, weil alle anderen Glasfenster aus St. Marien, woher das Fenster ursprünglich stammt, schon im 17. Jahrhundert durch eine Pulverturm-Explosion zerstört wurden. Beeindruckend, weil das Fenster 1943 ausgelagert wurde und am Ort der Auslagerung den Krieg unbeschadet überstanden hat.

St. Marien wurde im Zweiten Weltkrieg, kurz vor der Kapitulation, während ein Luftbombardement Wismars zerstört. Nur der Turmbau samt Turm steht noch. Das Fenster hat seinen neuen Aufbewahrungsort in der Heiligen-Geist-Kirche gefunden.

Und warum schreibe ich das alles? Eine Glastafel in diesem Fenster zeigt etwas Wunderbares. Die Verkündigung in der Spinnstube. Und was macht Maria? Sie spinnt nicht etwa, sondern sie strickt.

Richtig schön mit Nadelspiel strickt sie am Ärmel für das Jesuskleidchen. Ein Korb mit Wolle steht auch in der Nähe. Was die anderen Damen machen, kann ich nicht erkennen, bzw. zuordnen, was sehr schade ist. Ob Kunsthistoriker dazu bereits gearbeitet haben, habe ich nicht recherchiert. Wäre sicherlich interessant zu wissen, ob in den Buch, auf welches Tina in ihrem Beitrag hinweist, auch die “Strickende Madonna” von Wismar auftaucht. Tolle Sache. Natürlich erinnert das Motiv sehr sehr sehr stark an die Strickende Madonna des “Altar-Tryptichons”, den “Meister Bertram aus Minden” für “das Benediktiner-Nonnenkloster in Buxtehude” schuf. Der geniale Gästeführer – unterhaltsam, kompetent, charmant und eloquent – sagte, dass das Fenster knapp 30 Jahre nach jenem Triptichon entstanden ist. Laut Flyer der Heiligen-Geist-Kirche war das um 1400. Von wann ist eigentlich das Triptychon? Eines weiß ich genau: Meine strickenden Damen werden begeistert sein, wenn ich ihnen morgen im Kurs das Bild zeige.

"Maria in der Spinnstube"

"Maria in der Spinnstube"

Stralsund strickt

Posted in everyday life, knitting, scene by ricardaknits on 2012/02/22

Stralsund strickt

 

Vor gut einer Woche, um genau zu sein am 14. Februar, stand im überregionalen Teil der Ostsee-Zeitung ein kleiner Artikel über das Stricken. Nun schon der dritte, wenn ich richtig gezählt habe.

“Stricken kommt wieder in Mode” ist nun endlich auch an der Küste angekommen und im Artikel heißt es, dass die VHS der Landeshauptstadt im vergangenen Herbst einen Kurs ins Programm aufgenommen hat. Schwerin hat endlich nachgezogen, kann man da nur sagen.

Ich hasse Eigenwerbung, doch ohne die scheint ja nichts mehr zu gehen: Im vergangenen Herbst gab es an der VHS in Stralsund bereits den 2. Strickkurs. Irgendwie freue ich mich, dass wir da ein Semester früher am Ball waren und mein Name da ins Spiel kam. Wie gesagt, ich mag Eigenwerbung überhaupt nicht. …

Natürlich ist Stricken wieder in, allerdings schon seit mehreren Jahren. Und seit mehreren Jahren geht der Trend auch vom formlosen Sacking zur figurbetonten Mode. Stricken ist schick und es ist eigentlicht traurig, dass dieser Trends erst wieder aus dem Ausland zu uns kommen musste – zumindest gefühlt.

Aber zur Rubrik Stralsund strickt. Im heutigen Ostsee-Anzeiger ganz versteckt und dennoch auf der Titelseite war zu lesen, dass auch der Frauentreff Sundine in Stralsund einen Stricktreff ins Leben gerufen hat. Er hat heute begonnen. Damit springt auch der dritte Anbieter von Kursen auf den Strick-Zug auf. Linda Wellmann natürlich mit an erster Stelle, denn in ihrem wunderbaren Strickladen “Der Wollladen”, in der Ossenreyer Straße 49 (Ost-West-Passage) trifft man sich dreimal die Woche, plaudert und strickt und lernt sowohl an Fingerfertigkeit wie auch an Erfahrung dazu. Das Schöne am Stricken: Man kommt rasch ins Gespräch und sei es auch nur, dass der Fragende dem Strickenden erklärt, das Hobby nie gemeistert zu haben bzw. lieber zu häkeln, obwohl die Mutter oder Großmutter es hatte lehren wollen.

Stralsund strickt und das ist gut. Seit Montag läuft an unserer VHS der Strickkurs “Stricken ist wieder In! (III)” Wohl gemerkt … Dritte Ausgabe und wieder sind sieben Teilnehmerinnen zusammengekommen und wollen sich kreativ verwirklichen. Da wir uns alle bereits gut kennen, gibt es auch keine Berührungsängste. Ich habe seit Herbst sogar den Eindruck, dass es gar nicht mehr wichtig oder störend ist, dass ich als Leiterin die Jüngste in der Runde bin.

Meine Teilnehmerinnen sind auf unterschiedlichem Strick-Niveau, so trifft der Anfänger auf den routinierten Strickenden und umgekehrt. Es gibt immer etwas zu erzählen und es gibt immer etwas Neues zu entdecken. Es macht einfach Spaß, den Kurs zu leiten und meinen sehr interessierten und tatsächlich auch hoch konzentrierten Teilnehmerinnen bei ihren Projekten unter die Arme zu greifen, ihnen neue Möglichkeiten zu eröffenen, die Freude am Stricken mit auf den Weg zu geben und nicht nur das, sondern zu sehen, wenn wieder eine Hürde gemeistert wurde. Stolz präsentierte mir eine der Anfängerinnen am Montag Schal und Mütze, die sie im letzten Kurs begonnen hatte und mit viel Geduld zuende brachte.

Das Projekt, von dem Ravelry bereits weiß, werde ich hier demnächst auch vorstellen. Wir hatten uns im letzten Kurs mit drei Teilnehmerinnen darauf geeinigt einen Pullover nach einer ONLine-Anleitung zu fertigen. Es soll ein Kimono-Pullover werden, bei dem der gesamte Körperbereich in einem Stück gefertigt wird. Abschließend, nachdem die Seiten-/Ärmelnähte geschlossen wurden, werden sowohl Kragen als auch Bündchen angestrickt. Klingt einfach und ist es auch für den routinierten Stricker und die routinierte Strickerin. Kompliziert wird es für jemanden, der noch nie mehrere Maschen auf einmal im Prozess des Strickens aufgenommen hat. Am Pullover kann man die unterschiedlichen Arten der Maschenzu- und -abnahmen erklären, zeigen und schließlich auch anwenden. Zudem ist das Ganze auch ein Geduldspiel, denn bei über 250 Maschen auf den Nadeln kann so mancher Geduldsfaden reißen. Wenn der Kimono-Pullover, zumindest meiner, denn als Leiterin habe ich mich dazu “verdonnern lassen” diesen mitzustricken, werden natürlich Bilder kommen. Aber ich warne gleich: Sie werden Apfelgrün. ;)

Stralsund strickt. Und das ist gut. Aber die Frage ist, ob sich dieser Trend auch im Sommer fortsetzen wird, an der Küste, ob unsere strickende Bevölkerung den Mut aufbringt, im Café Nadel und Garn auszupacken und “draufloszunadeln”. Im Zug gelingt es mir jedenfalls schon recht gut, die Nadeln glühen und das Gespräch ist rasch da.

“Meine Mutter hat gestrickt und es immer versucht, mir beizubringen. Aber ich wollte es nie lernen, aus Trotz. Jetzt bin ich zu alt”, erklärte mir eine Frau Ende fünfzig, die mit ihrer Enkelin auf Reisen war. Meine Reaktion: “Versuchen Sie es doch, wenn Sie Interesse haben und es wirklich wollen, dann setzt das Alter keine Grenze.” Naja, die Wege trennten sich dann, als sie und ihre Enkelin ausstiegen.

Neugierde und Interesse sind immer vorhanden. So ertappe ich mich bei jedem Schaufensterbummel dabei, dass ich vor gestrickten Sachen stehen bleibe, sie genau mustere und mich fragen, wie wurde das gemacht? Die meisten zu kaufenden Stricksachen sind rasch enttüftelt. Grobe Maschen, grobe Zöpfe, schlichter Schnitt, schlichtes Lochmuster, das ein dutzend Mal gesehen wurde, richtig raffiniert ist – meiner Erfahrung nach – eigentlich das, was man selbst arbeitet. Ein Touch Individualität macht jede Stricksache zu etwas ganz Besonderen, zu einem Unikat.

Also: Ran an die Nadeln. Auch für den Sommer gibt es schöne Dinge, die von den Nadeln hüpfen können.

 

Kennen Sie Mehmel?

Posted in scene by ricardaknits on 2011/07/02

Kennen Sie Mehmel?

 

Kennen Sie Mehmel? Nein? Noch nie etwas von Friedrich Albert Daniel Mehmel gehört? Wirklich nicht? Keine Panik, das ist keine Bildungslücke, es sei denn, Sie interessieren sich für Orgeln. Was Orgeln angeht, ist meine Bildungslücke ein wahrer Mariannengraben. Zurzeit sind in Stralsund die Orgeltage, noch das gesamte Wochenende. In den Kirchen finden Konzerte statt, Vorträge des Orgelzentrums werden gehalten und man erhält die Möglichkeit über den Tellerrand hinauszublicken und zu erkennen, dass die eigenen kleine, wenn auch schöne, Stadt, in gewissen Kreisen ein fester Begriff ist. In diesem Fall: In Kreisen der Orgelmusik.

Ich habe gestern, am 01. Juli, einen Vortrag über die Stralsunder Mehmelorgel gehört und ich bin mir nach wie vor nicht im Klaren darüber, ob ich wütend sein soll oder einfach nur traurig über das, was mit der Orgel geschehen ist. Es ist eine ähnliche Wut und Traurigkeit, die mich jedes Mal überkommt, wenn Kultur der Vergangenheit mit Füßen getreten wird oder Unverstand, ja Ignoranz in Zerstörung ausarten. Wut – wenn Mutwilligkeit im Spiel ist und Hass. Trauer – wenn die Umstände keine andere Wahl lassen. Es sind etliche Kunstgegenstände in den Kriegen zerstört worden. Meistens waren es gar nicht so sehr die Bomben, sondern das, was nach diesen kam. Wenn ich an die Handschriften denke, so hat nicht einmal der moderne Krieg Schuld daran, dass so viel verschwunden ist, sondern die politischen Konstellationen in den verschiedenen, vor allem dem 19. Jahrhundert. Es würde jetzt zu weit gehen, dass näher zu beleuchten und würde auch ein Handarbeitsblog sprengen, doch möchte ich es erwähnt haben.

Die Mehmelorgel war die dritte große Orgel, die bis 1943/45 in den damaligen drei Stralsunder Pfarrkirchen zu finden war. In St. Marien ist die Stellwagenorgel, in St. Nikolai die Buchholzorgel und in St. Jakobi war die Mehmelorgel. Hier haben sich Barock, Frühromantik und Hochromantik in Sachen Kirchenmusik die Hand gereicht. Ein einzigartiges Klangerlebnis muss es gewesen sein. Die Mehmelorgel war ein Konzertinstrument und wenn man sich das Klangerlebnis auch nur annähernd glaubt vorstellen zu können, so wird die Vorstellung der Realität kaum nahe kommen. Seit einiger Zeit wird mit der Restauration der Orgel geliebäugelt genommen, doch ist man hier noch bei den Vorarbeiten und den Planungen. Wenn es irgendwann einmal so weit sein sollte, dass die Orgel wieder in neuem Glanz erstrahlt, dann hoffe ich auf viele Konzerte in herrlichem Ambiente.

Die Jakobikirche an sich ist ein schönes Gebäude mit einer traurigen Geschichte. Wenn eine Kirche nicht mehr als Kirche genutzt wird, was geschieht dann mit ihr? Wie kann sie einem neuem Verwendungszweck zugeführt werden? In Stralsund wurde aus der Jakobikirche eine Kulturkirche. Zurzeit ist dort eine Hundertwasserausstellung kombiniert mit Gemälden von Hermann van Veen. Unter den ehrwürdigen Gegenständen wie Kanzel und Altar und jenem dunklen traurigen Loch, welches nur noch aus dem Schnitzwerk der Orgel besteht, kann der Besucher Bilder der zwei Künstler betrachten und jedes Mal, wenn der Blick zur Orgel hinaufgeht, jagt es ihm Schauer über den Rücken. Im Mittelalter gab es so etwas wie den horror vacui, die Angst vor der Inhaltslosigkeit oder Leere, in welcher der Teufel sein Zuhause finden kann und könnte. Lückenfüller wurden gebildet, gemalt, geschrieben. Die Leere wurde so aufgehoben und nun existiert in einem ehemaligen Gotteshaus diese düstere, unheilverkündende Leere direkt gegenüber dem Alter. Wie eine Bedrohung lauert im Westteil des Mittelschiffs die Dunkelheit und das Nichts.

Dass dort einmal die Größte der Mehmelorgeln gestanden hat, ist wie ein Traum aus früheren Tagen. Die Orgel wurde 1877 fertiggestellt und während des Zweiten Weltkriegs im Gegensatz zu den Orgeln von St. Marien und St. Nikolai nicht ausgelagert. Man lagerte zwar einzelne Bestandteile des Schnitzwerks aus, das aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammte, doch die Orgel an sich war keine 70 Jahre alt und daher noch – mehr oder minder – neu. Im kalten Winter nach dem Krieg wurden Holzpfeifen verbrannt und Metallpfeifen landeten auf dem Altmetallmarkt. Legierungen waren rar und die Orgel war mit ihren insgesamt 3919 Pfeifen ein schier unerschöpfliches Reservoir.

Die schön geschnitzte und farblich gestaltete Rückwand wicht 1951, als der Gustav-Adolf-Saal gebaut wurde. Der Unterboden ist noch vorhanden. Zu meiner Schande muss ich gestehen, nie einen Blick nach oben geworfen zu haben. Allgemein muss ich sagen, dass ich von all unseren Kirchen die Jakobikirche am wenigsten kenne, umso bestürzter macht mich ihre Geschichte. Ich hoffe auf den Tag, an dem auch diese Kirche einen kleinen Teil ihres einstigen Prunks wieder erlangt hat. Man ist dort auf einem guten Weg. Ein schöner Altar, die wundervolle Kanzel und irgendwann einmal die Orgel, werden einen Hauch der alten Schönheit wieder in die Kirche bringen. Vom Bau her ist man auch auf einem guten Weg. Viel war und ist zu tun. So stiefmütterlich, wie die Schmächtige in Stralsund behandelt wurde, hat sie nun ein wenig Fürsorge und Hingabe verdient.

Danke an Herrn Dr. Markus T. Funk für diesen wunderbaren Vortrag über die Mehmelorgel und den Orgelbaumeister Friedrich Albert Daniel Mehmel.

 

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