Sassnitz – im Winter
Sassnitz – in Winter
Wenn ich mir den diejährigen späten Januar und frühen Februar ansehe, fällt mir wie von selbst ein Gedicht von Matthias Claudius ein:
Der Winter ist ein rechter Mann
Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,
Und scheut nicht süß noch sauer.
War je ein Mann gesund wie er?
Er krankt und kränkelt nimmer,
Er trotzt der Kälte wie ein Bär
und schläft im kalten Zimmer.
Er zieht sein Hemd im freien an
und läßt´s vorher nicht wärmen
und spottet über Fluß im Zahn
und Grimmen in Gedärmen.
Aus Blumen und aus Vogelsang
weiß er sich nichts zu machen,
Haßt warmen Drang und warmen Klang
und alle warmen Sachen.
Doch wenn die Füchse bellen sehr,
wenn´s Holz im Ofen knittert,
und um den Ofen Knecht und Herr
die Hände reibt und zittert;
Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
und Teich und Seen krachen:
Das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
dann will er tot sich lachen.-
Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
im lieben Schweizerlande.
Da ist er denn bald dort, bald hier;
gut Regiment zu führen;
und wenn er durchzieht, stehen wir
und sehn ihn an und frieren.
Matthias Claudius wusste schon, wovon er schreibt. Die Temperaturen zeigen doch gerade, wie hart und unerbittlich der Winter sein kann. Als der Wetterbericht vor einigen Wochen diese sibirische Kälte androhte, war mein einziger Gedanke … Autsch, das wird hart, da doch kein Schnee liegt. Mit Schnee lässt sich alles ein wenig leichter ertragen, mit Schnee und mit Sonne. Natürlich im Idealfall. An Tote dachte ich nicht und auch nicht an andere schreckliche Begleiterscheinungen, die Eis und Schnee und anhaltende Temperaturen weit unter dem Null-Punkt mit sich bringen könnten.

Nach den dunklen Tagen im Dezember und Januar. Als sich der Winter in unseren Breitengraden von seiner nicht gerade schönen Seite zeigte, ein Regenhusch den anderen jagte, die Sonne uns zu vergessen haben schien und Nebel sich wie eine Dunstglocke über die Region legte, da kamen mir Sonne und Kälte gerade recht. Am Morgen genau zu wissen, dass man Ziebelschichten auf dem Körper braucht, Handschuhe, Schal und Mütze den Aufzug erst komplettieren, die dicken Stiefel gut eingefettet die einzig richtige Wahl sind und man beim ersten Schritt vor die Tür nicht erst rätseln muss, ob es Winter, Herbst oder Frühling sind, hat seine Vorteile. Wenn man im Restaurant genau weiß, dass heiße Schokolade, heißer Tee oder heißer Sanddornsaft zur Auswahl stehen und ein Blick in die Karte gar nicht notwendig ist, macht den Besuch einer solchen Lokalität um Längen entspannter. Die Hauptsache ist: Das trübe Wetter hat sich endlich entschieden und zeigt ein wenig Konformität. Sobald die Sonne herauskam, lebte ich förmlich wieder auf. Ich bin ein Sommerkind. Ich bin ein Löwe. Ich bin ein Küstenkind. Und ich brauche Licht.
Licht ist etwas Wunderbares. Wenn Weihnachten vorbei ist und am 07.Januar sämtliche Lichter der Weihnachtszeit verschwunden sind,
wird einem erst so richtig bewusst, dass der lange Winter erst begonnen hat. Sicher: Die Tage werden bereits länger, doch man merkt noch nicht wirklich etwas davon. Man sehnt sich nach Licht und was das Faszinierende an der Sache ist, es geht den meisten Menschen so. Es ist erstaunlich, wie gut besucht Ausflugsziele am Wochenende sind, wenn trotz Schnee, Eis und Kälte die Sonne ihre dominierende Rolle spielt.
An diesem Wochenende kam ich nicht zum Stricken, da ich mit meinem Herz einen Ausflug nach Sassnitz gemacht habe. Eine atemberaubende Kulisse. Am frühen Nachmittag brachte uns der Zug von Stralsund über Lietzow nach Sassnitz. Wir fuhren durch Schneeschauer und fürchteten schon, dass der Ausflug keine gute Idee sein würde, bis wir in Sassnitz den Zug bei herrlichem Sonnenschein verließen. Wir wanderten durch den Schnee, am Hafen entlang, über den wir am Sonntagabend hörten, er und der benachbarte Hafen von Mukran seien die einzigen eisfreien Häfen, im Gebiet von Vorpommern. Nunja, ich erinnere mich an Eisschollen im Sassnitzer Hafen und auch daran, dass sie sich leise bewegten und nur Möwen sich auf ihnen halten konnten. Eisfrei ist relativ, dachte ich mir. Wir wanderte den Hafen entlang und dachten uns, eine heiße Schokolade müssen wir uns erst verdienen und maschierten promt die längste Außenmole Europas ab. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Sassnitzer Außenmole misst sage und schreibe 1450 Meter! Hin und zurück sind wir also gut 3 Kilometer gelaufen, von denen der Rückweg eine wahre Tortur war. Gegenwind, der ins Gesicht peischt und keine Ruhe lässt. Die Mauer, die die Außenmole gen Norden von der offenen See trennt, war teilweise zentimeterdick vereist. Das Leuchtfeuer am Ende trug einen Eispanzer. Die Wolken, die im Hintergrund mit Schneeschauern drohten, drohten nur und verschwanden auch
wieder. Die Sonne zeigte sich auch beim Untergehen von ihrer schönsten Seite.


Es war ein wunderschöner Tag.
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